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Deutscheland Kinderland – nicht

Zugreise mit Baby

Ok, das ist keine Neuigkeit, ich weiß. Trotzdem ist es ein Unterschied, ob man es theoretisch irgendwo im Hinterstübchen weiß, oder ob man  es schmerzhaft am eigenen Leib erfährt. Der Mensch muss sich ja immer erst selbst die Fingerchen verbrennen, bevor er die Tragweite der Sache versteht – ich bin da leider keine Ausnahme.

Letzte Woche habe ich mit Joschi meine Eltern im Süden der Republik besucht. Wir waren also das erste Mal alleine auf Reisen und ich habe mir schon Wochen vorher überlegt, wie wir die An- und Abreise wohl am besten meistern können. Da die Flugreise nach Spanien so prima geklappt hatte, habe ich mich wieder für einen Flug entschieden. Die Zeitersparnis war hier das entscheidende Argument.

Mit AirBerlin ging es also von Düsseldorf nach Stuttgart. Am Flughafen Düsseldorf habe ich also brav mein Gepäck samt Kinderwagen und Kindersitz abgegeben und bin noch guter Dinge Richtung Flieger marschiert. Doch schon vor dem Start musste ich feststellen, dass der Sonntagsflug schon die ersten Geschäftsleute an Board hatte.

An die Dame aus Reihe 18, Sitz F, Flug AB6834

Ich gehe davon aus, dass Sie keine Kinder haben und auch keine wollen. Ihr verhasster Blick nach hinten, noch bevor Joschi auch nur einen Mucks von sich gegeben hat, sprach Bände. Sie haben sich gar nicht mehr eingekriegt, so oft mussten Sie uns mit angewiderten Blicken mitteilen, dass wir hier nicht erwünscht sind. So unverschämt direkt hinter Ihnen – mit einem BABY.

Sie werden es kaum glauben, aber ich war einmal Sie. Ich war ebenfalls so eine verbittert dreinschauende Businesslady, die ihr Leben ganz dem Job gewidmet hat und so gar nicht verstehen konnte, wie jemand Kinder in seinem näheren Umfeld haben wollte, FREIWILLIG.
Der Unterschied zwischen uns beiden – ich habe den Absprung aus Miesepeterland geschafft. Ich habe irgendwann erkannt, dass mir keiner später mal eine Grabrede über meine ach so tollen Leistungen und Überstunden halten wird. Meine Chefs werden nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht in ihr Taschentuch schniefen, wenn ich einmal die Radieschen von unten betrachte und plötzlich nicht mehr auf meinem Stühlchen sitze. Sie werden mir auch keine Blümchen bringen, um einfach mal danke, dass es dich gibt und ich hab dich lieb zu sagen. Umgekehrt wird mir keine noch so tolle Kampagne der Welt jemals dieses einmalige Gefühl geben können, das beim Anblick meines schlafenden Babies unweigerlich Pipi in meine Augen treibt. Ich habe Miesepeterland hinter mir gelassen und das gefunden, was wirklich wichtig ist im Leben – Liebe, Geborgenheit und Rückhalt. Der Mangel dessen kann einen durchaus zur Fuchtel machen, ich weiß das.
Ich tippe Sie arbeiten in einer Unternehmensberatung. In meinem Job habe ich mit diversen Unternehmensberatern zu tun, ich erkenne euch mittlerweile recht schnell. Selbst Freunde von mir sind in dieser Branche tätig. Es gibt sicher Leute (meine Freunde hier inbegriffen), die ganz in ihrem 60 Stunden Job aufgehen, die gerne nie zuhause sind und ihre Wohnung nur einmal alle drei Monate besuchen. Für sie ist es dann halt Teil des Jobs, dass sie auch kaum soziale Kontakte haben, meist keine Beziehung, keine Basis, zu der sie zurückkehren können und das mit Mitte/Ende 30. Immerhin wird der Job auch dementsprechend bezahlt, gelle. Es gibt hier sicher Leute, die mit der Einsamkeit und der Leere umgehen können – viele können es jedoch nicht.
Ich frage mich daher, ob es sich bei Ihnen wirklich „nur“ um eine abgrundtiefe Abneigung gegen Kinder handelt (soll es ja auch geben), oder ob Ihnen beim Anblick einer Mutter mit ihrem Baby der Knoten zu schaffen macht, der sich langsam aber sicher im Magen bildet.
Ich hatte kein Problem damit, mich mit Joschi auf die andere Seite zu setzen, als er später doch mal geweint hat. Ich nehme Rücksicht, so weit dies mit Baby irgendwie möglich ist und ich denke auch Eltern müssen nicht mit allen Mitteln ihre Belange durchsetzen. Ein faires Miteinander sollte immer das Ziel sein. Ich hatte auch kein Problem damit, Ihre garstigen Blicke mit einem „Ein Wort und es setzt was“ – Blick zu erwidern. Da Sie sich jegliche Kommentare verkniffen haben schätze ich, dass meine Botschaft ebenfalls angekommen ist. Kurzum, in diesem Leben werden wir wohl keine Freunde mehr.

Telefonate sind okay, ein babbelndes Baby geht aber gar nicht

Zurück bin ich dann aber doch mit der Bahn und ich muss an der Stelle mal kurz erwähnen, dass mich die Deutsche Bahn positiv überrascht hat. Ich musste am Stuttgarter Hauptbahnhof mein Ticket tauschen und wartete brav mit Joschi im Bondolino, dass ich aufgerufen werde. Kaum stand ich jedoch da, wurde ich von einer freundlichen Bahnmitarbeiterin angesprochen. Sie erklärte mir, dass ich mit Baby nicht so lange warten muss und direkt zum 1. Klasse Schalter gehen solle. Das fand ich richtig nett, ich kann es nicht anders sagen. An sich hätte ich gleich zu diesem Schalter gehen können, da ich extra ein 1. Klasse Ticket gebucht hatte. Da ich aber sonst nie 1. Klasse fahre, war mir der separate Schalter tatsächlich gar nicht aufgefallen. Auf jeden Fall eine tolle Sache  und sehr aufmerksam von der netten Dame und ihrem Kollegen am Schalter.

Die Zugfahrt habe ich also im Handybereich der 1. Klasse verbracht. Gemeinsam mit zahlreichen Rentnern (jetzt weiß ich, warum ich davon sonst so wenige im Zug sehe) und einem sehr lautstark telefonierenden Mann um die 50. Dank der Gesprächsfetzen durften wir daran teilhaben, wie eine Freundin ihr Handy auf dem Wasen verloren hatte und sich gerade nichtsdestotrotz ordentlich in einem der Festzelte amüsierte, während der wutentbrannte Freund/Buddy/Bekannte jetzt schon im Zug nach Köln saß und sich ganz schrecklich aufregte.
An dessen mehrfache Wutrede im Abteil störte sich jedoch niemand. Als Joschi jedoch keine Lust mehr auf Bilderbuch hatte und stattdessen lieber erzählen wollte, war der Spaß für meine Mitreisenden vorbei. „So ein lautes Organ!“ tönte es da plötzlich aus einer der hinteren Reihen und böse Blicke machten sich breit.
Ich konnte es kaum fassen, ein erwachsener Mann kann zig Mal quer durchs Abteil brüllen und keiner macht einen Mucks, ein 9 Monate altes Baby aber soll nicht mal brabbeln, denn das stört. Ich weiß nach wie vor nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist nicht so, dass ich mich darüber ärgere. Vielmehr entsetzt mich die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen uns entgegen getreten sind.
Ein Mitreisender war so nett und half mir am Ende noch mit meinem Koffer. Am Ende gab er mir aber noch freundlich lächelnd den Rat, doch künftig besser im Kinderabteil zu reisen. Hier zeigt sich für mich die Tragik des Ganzen. Er meinte es ja gut und wollte mir einen Tipp geben. Jedoch spiegelte sich hier die allgemeine und akzeptierte Haltung vieler Deutscher wider – Kinder in der eigenen Umgebung stören.

Die Erfahrung im Flieger wie auch im Zug machen mich wirklich traurig. Es bleibt mir ein Rätsel, warum viele so unschön mit unserer aller Zukunft umgehen und warum einige vergessen haben, dass sie selbst einmal 9 Monate alt waren.

Noch kurz eine positive Erfahrung zum Schluss (ich brauche immer ein Happy End 🙂 ). Bei der Bahn habe ich den Gepäckservice gebucht und es hat super funktioniert. Wenige Tage vor der Reise habe ich online meinen Kinderwagen aufgeben. 2 Tage vor Abreise kam Hermes pünktlich zum Wunschtermin und hat den Kinderwagen zuhause abgeholt. Ebenso pünktlich wie besprochen wurde er dann 2 Tage nach Ankunft bei uns zuhause wieder abgeliefert. Mittels SMS wurde ich dabei die ganze Zeit auf dem Laufenden gehalten. Diesen Service der Bahn kann ich also nur empfehlen!

One Comment

  • Stine

    April 21, 2017 at 8:01 pm

    Hej Denise,
    ach das tut mir leid, dass du solch doofe Erfahrungen machen musstes. Gut, wenn immer auch Lichtblicke dazwischen waren.

    Eine Freundin von mir ist auch mit der Bahn und zwei Kindern quer durch die Republik unterwegs und sie kann auch wilde Geschichten erzählen. Ich schüttel dann immer unläubig meinen Kopf. Schade, dass sie nicht bloggt.

    Doch auch hier vor unserer Haustür (Nachbarn) sind Menschen, denen es zu viel ist, wenn sich Sonntags die Kinder an schönem Wetter erfreuen und im Hof Spaß haben und sie sich in ihrer Siesta gestört fühlen. Ok, dachte ich beim ersten mal, haben keine Kinder, kennen das nicht…aber Pustekuchen. Die Leute vergessen sehr sehr schnell. Grad 15 war deren Tochter und zack hatte Muddi wohl vergessen, wie es ist, wenn Kinder draußen rumzutoben.

    Nun, ich denke „solche Menschen“ wird es immer geben. Kopf hoch und weiter über die poitiven Erfahrunen freuen ! 🙂
    Alles Liebe und beste Grüße
    Kerstin

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